Interviews

Interview mit Nosliw auf dem Spack! Festival 2010

Im vergangenen Herbst bekamen wir die einmalige Möglichkeit einer der bekanntesten deutschen Reggae-Musiker Nosliw auf dem Spack! Festival zu interviewen:

 

Lena (L): Hallo Nosliw! Wir sind von der Schülerzeitung „Schwarzes Entchen“, hier aus der Region, genauer gesagt aus Vallendar bei Koblenz. Deshalb auch gleich unsere erste Frage: Wurdest du schon mal von einer Schülerzeitung interviewt?

Nosliw (N): Ja, als ich in der Schule war (lach). Nee, danach auch noch häufiger. Vielleicht schreckt es viele Schülerzeitungen auch ab, dass sie sich erst mal an das Management wenden müssen, ich weis es nicht. Die sind aber ganz harmlos, ihr könnt da ruhig E-Mails hinschicken.

 

L: Stell dich doch bitte für den Anfang kurz vor und erklär was du für Musik machst.

N: Ich mach Musik (lach). Schwerpunkt Reggae. Ich lebe in Berlin, heiße Nosliw, mach deutschsprachigen Reggae und es macht mir sehr viel Spaß.

 

L: Und wieso ausgerechnet Reggae oder Dancehall, was fasziniert dich so daran?

N: Es gibt mir einfach die Möglichkeit mich musikalisch zu entfalten. Ich kann singen und Musik auflegen, ich kann langsame Songs machen und ich kann Party Songs machen, ich kann politische Inhalte reinpacken und auch Liebeslieder machen. Ich muss mich halt nicht festlegen auf irgendeinen Style. Diese Musikrichtung ist sehr vielfältig und hat viele Einflüsse mitgenommen in ihrer Entwicklung. Ich fühl mich gut in dem „Reggae-Gewand“ (lach).

Ich spiel auch sehr gerne auf Crossover-Festivals wo viele Leute sind, die nichts mit Reggae am Hut haben. Durch die Inhalte der Texte spreche ich die Menschen direkt an. Reggae ist meine Plattform auf der ich über das Leben erzähle.

 

Kira (K): Du trittst ja auch häufig in Clubs auf. Wo ist der Unterschied zu einem Festival, wo du ein Konzert gibst mit deiner Band?

N: Auf dem Festival: Leckeres Essen, viel Platz, gute Stimmung, geiler Sound. Im Club: Alles scheiße! (lach) Nein, quatsch. Es sind zwei Disziplinen. Ich könnte mich jetzt nicht entscheiden zwischen Band-Gig und Sound-Gig. Es ist zum einen ein finanzieller Unterschied. Bei Sound-Gigs verdiene ich einfach mehr, weil ich alleine bin. Zum anderen ist es aber auch ein ganz krasses Live-Erlebnis wenn die Musik von der Platte kommt. Es ist eben „direkt in die Fresse“, weil ich die Leute direkt vor der Nase habe. Ich bin mittendrin.

Obwohl ich mittlerweile auch auf großen Bühnen spiele, ist es für mich wichtig immer wieder zurückzukommen und auch mal vor fünfzig, zwanzig Leuten zu spielen und so auch mal ganz andere Ideen zu bekommen.

Und live mit Band ist es noch einmal ein ganz anderes Level. Ich kann mich da viel weiter entfalten. Wir passen die Songs auf das Publikum an, wir nehmen uns auf und analysieren die Auftritte, z. B. wie die Leute reagiert haben. Am nächsten Tag können wir es dann direkt wieder ändern. Das macht halt echt Spaß, weil es sehr dynamisch ist und es sieht natürlich geil aus. Außerdem hab ich da noch viel mehr Möglichkeiten in die Songs einzugreifen. Wenn ich dann merke, „Ey, da hinten links geht grad einer tierisch ab“, kann ich alles leiser machen und das dann kommentieren, dann noch mal loslegen oder Quatsch erzählen (lach).

 

L: Ist dir schon mal was richtig Peinliches auf der Bühne passiert?

N: Nee, weil ich so tight und so versiert bin. Alles was auf der Bühne passiert, ist so gewollt.

Every mistake is a new style! (lach) Lachen und winken, das ist das Wichtigste. Wenn ich auf die Schnauze fallen sollte und noch aufstehen kann, dann sing ich halt weiter.

 

K: Kannst du dich an dein schönstes Konzert erinnern? Oder dein schönstes Erlebnis?

N: Wenn ich diese Frage gestellt bekomme, muss ich echt immer routieren und dankbar sein, dass es nicht nur ein schönstes Erlebnis bis jetzt gab. Es ist einfach eine Verkettung von schönen Ereignissen, die ich alle gar nicht aufzählen kann. Vielleicht später einmal, wenn ich mit der BILD-Redaktion und einem Co-Autor zusammen ein Buch über mein Leben verfassen werde. Dann kann man noch mal die schönsten Momente rausfischen.

Ich hab wirklich viele, viele, viele gute Momente auf der Bühne, vor dem Konzert, nach dem Konzert oder auf dem Weg dahin gehabt. Ich bin dankbar, dass ich das jetzt seit 10 Jahren professionell mache und immer noch Dinge erlebe, dich mich flashen. Es gibt natürlich auch viele Niederlagen in dem Ganzen. Aber das sind auch Sachen aus denen ich Kraft ziehe, die mir ein stärkeres Rückgrat geben.

 

L: Weist du ungefähr wie viele Konzerte du schon gegeben hast?

N: Nee. Also im Schnitt, wie viele sind das im Jahr? 60? So im Schnitt sind’s so 60 im Jahr, das kann man zurück rechnen auf 10 Jahre Nosliw live… (denkt)… das sind ja viele!!! (lach)

Das sind ja über 370 %!!! Wer die Lösung weis kann mir schreiben und kriegt eine Mainzelmännchen-Tasse vom ZDF-Morgenmagazin.

 

L: Hast du mal überlegt eine Live-CD raus zu bringen?

N: Auf jeden Fall. Aber dann müsste ich das Set komplett ändern, weil die Leute ab dem Zeitpunkt alle Mixes und Sprüche in und auswendig kennen (lach). Davor hab ich ein bisschen Angst. Aber natürlich ist es auf jeden Fall möglich eine geile Live-DVD zu machen oder zumindest eine Live-CD. Es wird auch kommen.

Jetzt gibt es auch noch ganz viele andere Projekte die Stück für Stück gestreut werden, es kommt jetzt das ganze Jahr über was von mir. Die Krönung wäre auf jeden Fall ein Live-Mitschnitt.

 

L: Erklär doch mal was es mit deiner Aktion gegen Nazis auf sich hat.

N: Ich supporte Laut gegen Nazis e.V., weil die eine der wichtigsten Institutionen sind, die wir haben. Weil sie aktiv daran beteiligt sind, uns aufzuklären über rechtsradikales Gedankengut, das sich in Deutschland wirklich neu strukturiert und massiv strukturiert. Denen geht grade die Kohle aus, weil große Wirtschaftsunternehmen ihnen klipp und klar gesagt haben: Wenn wir uns gegen Rechts engagieren, verlieren wir 30 % unserer Einnahmen.

Deswegen sind wir alle gefragt, diesen Verein zu unterstützen, die seit 6 Jahren wirklich sehr gute Arbeit machen. Ich habe denen meinen Song „Nazis Raus“ gespendet, damit man den auf allen Portalen für 99 Cent downloaden, damit aktiv ein Statement abgeben und gleichzeitig den Verein unterstützen kann. Die Einnahmen gehen zu 100% an Laut Gegen Nazis e.V.

Holt euch diesen Song und ladet alle ein dies zu tun. So könnt ihr für 99 Cent ein Stimme abgeben. Natürlich könnt ihr noch viel mehr machen, aber das wäre schon mal ein Anfang. Dazu müsst ihr einfach auf http://lautgegennazis.de/nosliw gehen. Da gibt’s die Page zu der ganzen Aktion.

 

K: Eine ganz andere Frage. Wer hat dich denn so in deiner Musik beeinflusst?

N: Erstmal meine Eltern. Und dann die Platten die sie mir vorgespielt haben, wie zum Beispiel Stevie Wonder, Ray Charles, Aretha Franklin… Scooter, nee das spielt ich meinen Kindern jetzt vor (lach). Also ganz viel Black Music, Soul, R ´n´ B, von richtig guten Sängern, die einfach ihr Handwerk verstehen und von Musikern die es drauf haben. Viel handgemachte Live Musik der 80er Jahre.

Dann hab ich meinen eigenen Musikgeschmack zum Beispiel mit Prince gebildet. Der ist für mich auf jeden Fall der größte lebende Musiker. Von seinen Platten habe ich alles verschlungen.

Dann fing Rap an. N.W.A., 2 Live Crew, den ganzen Gangster Shit mit frauenfeindlichen Texten. Das haben wir mit 14 voll gefeiert… (lach). Kriminalität, Waffen, Drogen, Frauen…

 

L: Sonst wärst du jetzt nicht so geworden wie du bist.

N: Auf jeden Fall. Man muss eben irgendwann aufhören das zu hören. Dann ist alles gut.

Ja, und dann realen Hip Hop mit Texten die Sinn machen und viel deutschsprachigen Hip Hop.

Dann war ich irgendwann selbst Rapper und hab das voll gefeiert diese Competition und Texte schreiben zu müssen. Das war eine gute Schule für mich, vor allem für den Übergang zum Reggae, weil ich da schon am Start war im Umgang mit der deutschen Sprache.

Dann beeinflussen mich täglich Musiker. Aktuelle oder ältere Sachen, die ich nur noch nicht auf’m Schirm hatte. Ich hör viel, viel, viel, viel Musik. Oft auch aus Zufall, alle Lieder die ich auf meinem MP3-Player habe.

 

K: Hast du denn was Neues für deine Zukunft geplant? Hast du was ganz Großes vor?

N: Nee das war jetzt meine Abschiedstour, ich werde mich jetzt zurückziehen und den Jüngeren die Bühne überlassen, weil ich auch keinen Zugang mehr zu den Leuten finde… (lach)

K: Ja man wird älter ne.

N: Jaja… es war schön (lach).

Was wird es geben? Ganz viele Live Auftritte. Dann bau ich endlich wieder meine Website nosliw.de auf. Es wird jetzt eine coole Seite, wo ihr nicht mehr stundenlang scrollen müsst und tausend Bilder aufgehen. Es wird mehr Struktur geben und ganz viel musikalischen Kram, den ich noch nicht verrate. Es wird aber voll fett!!

Ich hab mich ein Jahr lang mehr auf meine Familie konzentriert und wollte immer nach dem Konzert schnell nach Hause. Jetzt bin ich auch mal zwei Tage in der Stadt wo ich einen Auftritt habe und treffe mich mit Leuten. Da findet ein reger Austausch statt, aus allen möglichen Musikrichtungen: Drum ´n´ Bass oder Soul, R ´n´ B. Musiker die Bock haben mit mir Musik zu machen und ich mit denen. Da werdet ihr noch einiges an Projekten hören. Also auch viele Features. Ich bin jetzt zum Beispiel auf dem kommenden Album von Tommy Wittinger drauf, das ist der Produzent von Freundeskreis. Mit Nico Suave hab ich auch einen Track gemacht, der ist richtig Bombe.

 

L: Hast du denn ein Feature von dem du träumst, auch wenn es nicht realistisch ist?

N: Ol’ Dirty Bastard (ehemaliges Mitglied des Wu-Tang Clans). Mit dem hätte ich gern ein Feature gemacht, weil es der beste Rapper aller Zeiten ist. Und alle lebenden Künstler können sich vorstellen mit mir mal einen Auftritt zu haben, die können es sich wünschen und müssen das erst mal mit meinem Management verhandeln (lach).

Nee, was kommt das kommt. Ich hab jetzt keine Strichliste. Alle Features basieren auf einer langen Kennenlern-Phase. Ich hab die Leute anfangs mehrmals getroffen, auf Festivals zu Beispiel. Irgendwann haben wir dann angefangen über das Leben zu quatschen und daraus entstanden dann z. B. auch Textideen. Ich hab natürlich auch Bock einfach mal zu sagen: „Ey, Artist XY, lass mal nen Track machen“, „Ja cool, bist Nosliw ne? Hab zwar noch nichts von dir gehört aber egal“(lach). Wer weis, wenn der Vibe stimmt. Ihr werdet da auf jeden Fall schön was um die Ohren kriegen.

 

L: Hast du vielleicht noch etwas was du den Jugendlichen auf den Weg geben möchtest?

 

N: Den Jugendlichen möchte ich auf den Weg geben: Bleibt auf Zack. Lasst euch nicht einlullen von falschen Nannys aus den Medien oder aus dem Internet, die euch einfach nur ruhig stellen mit Lala-Kram, schneller Befriedigung durch irgendwelche Ballerspiele oder Reality Soaps über irgendwelche Aussteiger, die ohne landessprachliche Kenntnisse in Australien versagen. Oder bei Hartz IV Dokumentationen, bei denen man sich Leute anguckt denen es noch dreckiger geht, die gar nichts auf die Reihe kriegen und man sich dann nicht mit seinen eigenen Problemen beschäftigen muss.

Also macht nicht nur die Lehrer dafür verantwortlich dass ihr Wissen kriegt, sondern HOLT ES EUCH (lach). Ja, wenn ihr was wissen wollt, dann informiert euch darüber oder zwingt euern Lehrer Projektwoche zu machen, damit was bei rumkommt und nicht nur der Lernstoff abgeliefert wird.

Ja, das ist auf jeden Fall eine Verantwortung. Wir können es nicht auf irgendwen schieben ob wir wenig Geld haben, die Eltern sich nicht kümmern oder die Lehrer scheiße sind. Informiert euch! Vor allen Dingen auch in meinem Anliegen, über die rechte Suppe von Menschen die demagogisch daher quatschen, einfach nur Stimmung machen bei den Leuten und die Wirtschaftslage ausnutzen um irgend einen Sündenbock dahinzustellen für Probleme, die sie selber nicht lösen wollen. Das war ein bisschen lang. Jetzt kommt Musik.

 

L + K: Dankeschön für das Interview!

N: Ich hoffe ich hab nicht zu viel geredet J

 

Das Interview führte Lena Heuer